Wie ist das eigentlich

mit der Arbeit und psychischer Gesundheit?

Psychische Erkrankungen erfahren mehr Offenheit und Akzeptanz

Über psychische Gesundheit zu sprechen, ist heute deutlich selbstverständlicher als noch vor wenigen Jahren. Laut der europaweiten OSH Pulse-Befragung (EU-OSHA, 2022) sind 58 % der Beschäftigten in Deutschland überzeugt, dass die Offenlegung einer psychischen Erkrankung keine Nachteile für ihre Karriere hätte – deutlich mehr als im EU-Durchschnitt. Das zeigt: Stigmatisierung nimmt ab, und das Thema rückt stärker in den Fokus von Gesellschaft und Arbeitswelt – und das bereits seit mehreren Jahren (Knieps & Pfaff, 2021). Die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber haben den Prozess der Enttabuisierung 2013 mit der „Gemeinsamen Erklärung zur psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt“ zusammen mit dem Bundesarbeitsministerium und dem DGB bewusst angestoßen. Sie fördern auch weiter den bewussten Umgang mit psychischer Gesundheit in den Unternehmen und beteiligen sich aktiv an der Erarbeitung einer staatlichen Regel zum Umgang mit psychischer Belastung bei der Arbeit.

Psychische Gesundheit ist eine wesentliche Grundlage für Motivation, Leistungs­fähigkeit und Lebensqualität.

Vielfältige Ursachen für psychische Erkrankungen

Eine psychische Erkrankung (oder Störung) ist eine krankheitsbedingte Veränderung im Erleben und Verhalten mit Auswirkung auf Wahrnehmung, Denken, Fühlen und Selbst­wahrnehmung. Die Erkrankung muss klinisch diagnostiziert werden und ist meist verbunden mit Leiden und Behinderung des sozialen sowie beruf­lichen Lebens (siehe die Klassifikations­systeme für Krank­heiten ICD-10 bzw. psychischer Störungen DSM-5). Arbeit ist niemals alleinige Ursache für eine psychische Erkrankung (Windemuth, 2014). Psychische Erkrankungen entstehen aus einem Zusammenspiel unserer Biologie (z. B. genetische Veranlagungen), sozialer Faktoren (z. B. elterliche Erziehung), unserer Psyche (z. B. Bewältigungs­strategien bei Konflikten) und starken Stress­faktoren (z.B. ein schwerer Unfall). Daher sind psychische Erkrankungen auch keine Berufs­krankheit. Typische Erkrankungen sind Depressionen, Angst­störungen oder auch Alkohol­abhängigkeit. Burnout ist keine psychische Erkrankung (auch nicht nach ICD-11), sondern ein Faktor, der die Entwicklung psychischer Erkrankungen beeinflussen kann. Berufs­tätigkeit selbst ist ein Schutz­faktor für psychischer Erkrankungen und für die meisten psychisch Erkrankten hat Arbeit einen hohen Stellenwert (IAB, 2021).

Welche Rolle spielt nun die Arbeit bei psychischen Erkrankungen?

Grundsätzlich hat Arbeit einen positiven Einfluss auf die Gesundheit und persönliche Entwicklung. Über die Sicherung des Lebensunterhalts hinaus kann gute Arbeit eine Quelle von Lebenssinn, Selbstvertrauen oder Zufriedenheit sein. Zudem strukturiert Arbeit über weite Teile des Lebens den Ablauf des Alltags, ermöglicht soziale Kontakt und Anerkennung (Knieps & Pfaff, 2020; WHO, 2024). Zahlreiche Fachgesellschaften sowie Patientenorganisationen, wie die Stiftung Deutsche Depressionshilfe, unterstreichen, dass Arbeit z. B. die Genesung von Depressionen unterstützt und vor einer Erkrankung schützen kann (Stiftung Deutsche Depressionshilfe, 2025). Zugleich zeigt das Deutschland-Barometer Depression (Stiftung Deutsche Depressionshilfe, 2021) u. a., dass individuelle Veranlagung zur psychischen Erkrankung unterschätzt, dafür aber die Rolle der Arbeit für die Entstehung von depressiven Erkrankungen überschätzt wird. Dennoch können schlecht gestaltete Arbeitsbedingungen (wie permanenter hoher Zeitdruck oder Dauerkonflikte bei der Arbeit) zur großen Belastung werden und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, psychische Störungen zu entwickeln.

Für Unternehmen ist die psychische Gesundheit ihrer Beschäftigten zentral. Denn neben dem Wunsch nach motivierten und zufriedenen Teams ist klar: Psychische Erkrankungen gehen u. a. mit Leistungseinbußen und höheren Fehlzeiten einher (z. B. de Oliveira et al., 2023; BKK-Dachverband, 2025). Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sind gesetzlich verpflichtet, Gefährdungen durch psychische Belastung zu vermeiden bzw. so weit wie möglich zu reduzieren (nach Arbeitsschutzgesetz). Unternehmen sind daher verpflichtet in der Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung zu berücksichtigen – mit Erfolg! Die Ergebnisse der Befragung der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie zeigen, dass kleine und mittelständische Unternehmen zu über 80 % bereits mit solch einer Gefährdungsbeurteilung aufwarten, auch wenn sie noch nicht immer vollständig sind.

Statistiken zur „Psyche“ richtig einordnen

In Krankenkassen­statistiken sind psychische Erkrankungen immer sichtbarer – ihre Diagnosen zählen mittler­weile zu den häufigsten Ursachen für längere Arbeits­unfähigkeiten. Die durch­schnitt­liche Falldauer im Jahr 2024 betrug 33 AU-Tage (DAK-Psychreport, 2025). Etwa 20 % aller Fehltage gehen auf psychische Diagnosen zurück (TK-Gesundheits­report, 2024). Dennoch sind psychische Erkrankungen nur auf Platz 5 als Grund für Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen und auch bei der Dauer liegen sie hinter den Muskel-Skelett- und Atemwegs­erkrankungen.

Nichts­destotrotz scheinen psychische Erkrankungen auch in der Gesamt­bevölkerungen (auch bei Nicht-Diagnose) zuzunehmen, zu mindestens im Bereich der Depression und Angst­störungen. Besonders junge Frauen scheinen betroffen (Walter et al., 2024). Als Erklärung werden zum einen die Entstigmati­sierung herangeführt – psychische Erkrankungen werden heute erfreulicher­weise früher erkannt, häufiger diagnostiziert und offener benannt (Schomerus et al., 2023) – aber auch die Pandemie­zeit und zahlreiche Krisen (Walter et al., 2024).

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Arbeitsunfähigkeit der AOK-Mitglieder nach Krankheitsarten 2024

Der Anteil der psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeitsfälle liegt mit 4,6 % hinter Atemwegs-, Muskel-Skelett-, Verdauungserkrankungen und Verletzungen – also auf Platz 5 der Ursachen für Arbeitsunfähigkeit. Gleichzeitig führen psychische Erkrankungen oft zu besonders langen Fehlzeiten und stehen deshalb nach Muskel-Skelett- und Atemwegserkrankungen an dritter Stelle (die Angaben beziehen sich jeweils auf den 1. Januar eines Jahres).

Quelle: WIdO, 2024, eigene Darstellung der BDA

Neue Herausforderungen in der Arbeitswelt

Der Wandel der Arbeitswelt bringt andere Belastungen mit sich – diese können sowohl positiv als auch herausfordernd für die psychische Gesundheit sein. Beispielsweise kann KI dabei helfen, Aufgaben schneller und einfacher zu organisieren, Texte zusammenzufassen oder auch emotionale negative Belastungen zu senken, indem z. B. bei unfreundlichen Mails von Kundinnen und Kunden Antworten durch eine KI formuliert werden. Allerdings können neue Technologien beispielsweise dazu führen, dass Beschäftigte sich sozial isoliert fühlen. Tatsächlich ist KI bereits Bestandteil der täglichen Arbeit vieler Beschäftigten – dennoch zeigen Ergebnisse der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2024: Seit 2006 sind psychologische Stressoren rückläufig, etwa starker Termin-/Leistungsdruck und sehr schnelles Arbeiten (−11 bzw. −14 Prozentpunkte), die als belastend erlebte Intensität liegt insgesamt auf dem Niveau von 2018 (Siefer & Hünefeld, 2025).

Wir fordern:

Bessere Unterstützung für Menschen mit psychischen Problemen ermöglichen

Beschäftigte, die bereits unter psychischen Problemen leiden, erfahren im Unternehmen Unterstützung beispielsweise durch

  • psychologische Ersthelfende im Unternehmen,
  • EAP-Angebote
  • und wirksames Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM)

so die Ergebnisse der Politikwerkstatt des Bundesarbeitsministeriums zur psychischen Gesundheit. Oft ist es notwendig individuelle Lösungen zu finden und die Rückkehr ins Arbeitsleben nachhaltig zu gestalten – schwierig bei oft fehlender Unterstützung. Gleichzeitig gilt: Unternehmen können medizinische und therapeutische Versorgung nicht ersetzen.

Entscheidend ist daher:

  • dass erkrankte Mitarbeitende im Bedarfsfall schnell und unkompliziert professionelle Hilfe erhalten.
  • Der Ausbau passender Versorgungsstrukturen bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – erst im Zusammenspiel von betrieblicher Unterstützung und externer Behandlung gelingt eine erfolgreiche Wiedereingliederung.
  • Weiterhin ist es notwendig, dass die Sozialversicherungsträger (wie die Krankenkassen, Unfallversicherungen, Rentenversicherung, Bundesagentur für Arbeit und Integrationsfachdienst), welche für Menschen mit psychischen Problemen verantwortlich sind und entsprechende Leistungen bieten, verstärkt und koordinierter Zusammenarbeit.

Eine Übersicht zu den Angeboten der Sozialversicherungsträger bei psychischer Belastung und psychischen Problemen bietet DER PRÄVENTIONGUIDE PSYCHE. Dieser ist aus dem Projekt „PsyGAP“ des Bundesarbeitsministeriums entsprungen und wird ständig aktualisiert.

Weiterführende Informationen:

  1. Information bzw. eine Landkarte zu den Angeboten der Sozialversicherungsträger hinsichtlich psychischer Belastung und Gesundheit: Präventionsguide Psyche
  2. Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik: Ausbildung betrieblicher psychologischer Erstbetreuerinnen und Erstbetreuer
  3. Deutsche Stiftung Depressionshilfe: Welchen Einfluss hat die Arbeit auf die Entstehung einer Depression?
  4. Quarks: „Darum ist Burnout keine Krankheit“
  5. Gemeinsame Erklärung Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt“ (von BMAS, BDA und DGB)